PHILO MOBIL - auf dem Weg zu einer Tagung

Philo Road Trip nach Meißen

4 philosophische Praktiker_innen auf Ihrem Weg zur Frühjahrstagung der Gesellschaft für philosophische Praxis in Meißen - ein Road Trip der anderen Art. Hier wird die Geschichte erzählt - mit stündlichen Updates.

Besetzung:
Kai Kranner - der unerschrockene Waldviertler Fahrer und Resonanzexperte (KAPP)
Donata Romizi - die Queen of philosophical practice
Ran Lahav - der Erfinder der philosophical companionship
Cornelia Bruell - die Slammerin und Verteidigerin des Elfenbeinturms (KAPP)

9:00
Zunächst drei-stündige Anreise zum Treffpunkt ins Waldviertel. Zwei Stunden am Stück in der S-Bahn!! Wann hat man jemals so viel Zeit?? Die zentrale Frage ist nur: ob die Lektüre ausreicht?

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Beim vorbei fahren frage ich mich noch, was die ganzen reichen weißen Männer Freitag Vormittag am Golfplatz zu suchen haben und gerate ins zweifeln, ob die von Chantal Mouffe geforderte Wiederbelebung des Politischen nicht doch reine Utopie ist. Ist die neoliberale Hegemonie vielleicht doch zu weit fortgeschritten, um einer vibrierenden agonistoschen Öffentlichkeit noch mal zum Leben zu erwecken?

Und dann kommt das Waldviertel. - (die Pause ist wichtig! Denn das Waldviertel ist gelebte Pause.) Muss man sich im Waldviertel Gedanken machen über das Versagen sowohl der Globalisierung als auch des Staates, wenn es von beidem nicht betroffen ist? Ist das Waldviertel vielmehr die Inkarnation des von Mouffe geforderten "Föderalismus von unten"? Ich muss einen Waldviertler befragen....

19:00

Viele Stunden später Ankunft in Meißen in der Evangelischen Akademie. Was bisher geschah:

Ran brachte das Thema der Möglichkeit einer Philosophischen Bewegung (im Sinne social movement) auf. Ist es möglich, den Ansatz des Hinterfragens, des Suchens und des Bewusstseins, dass es keine endgültigen Antworten gibt, als politische und soziale Bewegung zu etablieren? - Diese Diskussion dauerte lange! Und es gab verschiedene Positionen. Braucht eine soziale Bewegung nicht einen konkreteren emphatischen Inhalt, mit dem sich Menschen identifizieren können? Reicht ein Zugang zum Leben und Denken aus für eine solche Mobilisierung? Wir sprachen dann über andere, subtilere Formen gesellschaftsrelevant und philosophisch zu wirken (z.B. beim Philosophieren mit Kindern, in der Ausbildung der Pädagog_innen, bei philosophischen Events etc.).

Langsam wurde es - tja - zwar immer noch philosophisch, aber persönlicher. Welches Erlebnis ist es, an das wir uns aus frühester Kindheit erinnern? Die ersten einprägsamen Erlebnisse sagen viel über den philosophischen Zugang zum Leben aus - so die These. Dabei waren ein Erdbeben, Schlafen im Schlauchboot, im Flug gefangen werden, die Trennung vom Zwillingsbruder. Wir kamen auf: Selbstbezüglichkeit und die Beziehung zum anderen, Trennung und Verbundenheit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, die Suche nach Transzendenz.

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Und dann kamen wir doch noch an. Die Fahrt hätte noch lange dauern können - Philosophie kann nicht langweilig werden. Aber auch die Location der Tagung ist nicht zu verachten: die Evangelische Akademie. Soll ich den Namen meines Zimmers nun als ein Zeichen werten? Und ist die bereit gelegte Lektüre am Bett eine Antwort auf die gestellten Fragen? Naja, das müssen wir erst mal sickern lassen...

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Tag 1: geehrt wurden Absolvent_innen des Lehrgangs des Berufsverbandes für philosophische Praxis. Zum Wein inspirierte uns ein epikureischer Kardinal und das Thema, Wie philosophisch mit dem Tod umgehen, wurde umrahmt durch den Blick aus dem klösterlichen Fenster und die aufgestellte Kunst. Alles fügt sich, alles greift ineinander, ergänzt sich, vernetzt, rundet....

Moment. Außer vielleicht diesem hier...

Und zum Schluss...
Sollen nun Philosoph_innen König_innen werden oder nicht? Ich bin mir nicht sicher, ob die notwendigen Entscheidungen, z.B. zum Thema Bildungsreform, schnell getroffen werden würden. Aber einer Sache bin ich mir sicher: das Wohlwollen, die Achtung vor dem anderen, der gegenseitige Respekt und das Vertrauen in Potenziale und die Zukunft wären schon mal eine Wohltat im Vergleich zu derzeitigen Verhältnissen. Schön und hilfreich für alle wäre auf jeden Fall, den Philosoph_innen mehr Gehör zu verschaffen. Ideen ernst zu nehmen und konsequent in die Tat umzusetzen. Wir machen also frohen Mutes weiter, mit unserem Bemühen einer Re-philosophierung der Gesellschaft und individueller Lebensperspektiven...